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Wabi und Sabi als ästhetisches Konzept
„Man trägt Wasser herbei, sammelt Brennholz,
bringt das Wasser zum Kochen, bereitet den Tee, bringt ihn dem Buddha
dar, reicht ihn den
Anderen und trinkt ihn auch selbst (…) über weitere Einzelheiten
hinsichtlich der Bedeutung der Tee-Kunst solltet Ihr, ehrenwerter Mönch,
Euch selbst klar werden“(1)
Dieses Zitat aus dem 10. Jahrhundert stammt von
dem Mönch Nabô Sôkei
und zeigt in seiner völligen Einfachheit, in der Klarheit der Beschreibung
und der damit verbundenen geistigen Dimension das Wesen von Wabi und
Sabi.
Zwischen den Zeilen eröffnet sich uns die Schönheit schlichter
Dinge in ihrer Reduzierung auf das Wesentliche. Diese Idee von Wabi und
Sabi beinhaltet gleichermaßen
- den Blick für die kleinen Details des Alltags in ihrer essentiellen
und privaten Bedeutung.
- eine ihm innewohnende Unvollständigkeit, wie sie die Natur im
Werden und Vergehen spiegelt.
Verbunden ist beides durch das Gefühl, die Essenz, die Seele dessen,
der mich begleitet. Sei es in der Teekunst oder als Zeichen setzender
Vermittler in seiner Kunst. Wabi und Sabi ist auf diese Weise zu einem ästhetischen
Konzept in der Kunst Japans geworden, das die beseelte Schönheit
der Einfachheit und Vergänglichkeit zum Ausdruck bringt.
„Ruhe und Kontemplation – ich fotografiere
das Gefühl,
das mich beim Betrachten berührt“
sagt Helmut Rueger, wenn
er über seine Arbeiten spricht.
Und hier begegnet sich die Welt von Wabi und Sabi in den Fotografien.
Betrachtung
Wenn wir diesem stillen Betrachten der drei Japanerinnen folgen, öffnet
sich uns der Blick auf das Bunt der Baumkronen. Unspektakulär einfach
zeigt sich das Herbstlaub – der Blick auf das Einfache. Die äußerste
Einfachheit gilt: das Nichts …
Eine ihm innewohnende Unvollständigkeit, wie sie die Natur im Werden
und Vergehen spiegelt.
Wenn wir uns jetzt als Europäer erlauben, die Frage nach dem „Sinn“ zu
vernachlässigen, und uns auf dieses Farbenspiel der Blätter
einlassen, – wenn wir uns denn erlauben – die Frage zu stellen,
was bei diesem Betrachten bei uns entsteht, sind wir sehr schnell bei
dem Wahrnehmen dieser Einfachheit, die dem Nichts so nahe kommt. Und
nun erlaubt sich die Frage: Welches Gefühl entsteht in diesem Nichts
bei mir?
Und dann entdecken wir in uns, im Betrachten von „Betrachtung“,
den Blick für die kleinen Details des Alltags in ihrer – uns
wesentlichen und intimen, privaten Bedeutung.
Gefühl und Bildsprache
Genau das ist der Moment, den Helmut Rueger in seinen Fotografien einfängt.
Das Gefühl, das im Jetzt entsteht, erhält Gestalt. Oder anders
ausgedrückt, wenn wir dem amerikanischen Fotografen Minor White
(1908–1976) zitieren: „Die expressive Fotografie zeigt eine
Sache nicht nur als das, was sie ist, sondern als das was sie auch noch
sein kann“(2)
Diese Überraschung, dass eine Fotografie zum Abenteuer des Betrachters
wird, das Abenteuer zu erleben, dass sich die Motive – weit über
die eindeutige Abbildung des Gegenstandes, der Szenerie hinaus entdecken
lassen, zeigt sehr schön die Arbeit Helmut Ruegers „Inside
or Outside“.
Auf den ersten Blick ein Shoji, eine Schiebetür. Rechts und links
gerahmt von blauen Türblättern, die in ihrer Patina den Bogen
vom Jetzt, in dem der Betrachter steht, zur Vergänglichkeit schlagen.
Durch eine zweite geschlossene Innen-Tür öffnet sich der Blick
auf das bunte Herbstlaub in seiner ganzen vergänglichen Pracht.
Näher treten – erlaubt den Weg ins Abenteuer.
Was wäre, wenn wir in Wirklichkeit vor dieser Türe stehen und
der herbstliche Garten befindet sich hinter uns?
In subtiler Art begleitet uns diese Arbeit in ein trompe-l´œil,
zu einer Augentäuschung. Ja mehr zu einem Wahrnehmen des Gegenstandes,
das selbst unsere Position als Betrachter hinterfragt, irritiert und
ad absurdum stellt.
Die Innentür bildet den Spiegel für die reale Welt, die sich
hinter uns befindet. Wenn wir dieses „Abbild“ fühlbar
wahrnehmen, sind wir plötzlich in einem Raum: Vor uns die Tür,
hinter uns der Garten. Wenn wir uns Zeit lassen, uns „ein-lassen“,
bewegen wir uns vom klassischen Betrachter eines Fotos in einer Galerie
in die Wirklichkeit der Bildwelt und finden uns dort als Protagonist,
als Hauptdarsteller für die Wahrnehmung wieder.
Stellt sich für uns die Frage: Welches Gefühl entsteht „jetzt“?
Helmut Rueger – Konzeptionelle
Fotografien
In diesen beiden Betrachtungen wird schnell deutlich, dass Helmut Rueger
in seinen Fotografien mehr als nur abbildet, mehr als nur den Ort,
das Objekt dokumentiert.
Wenn wir kurz den Pfaden der westlichen Fotografie folgen, so stand
natürlich
am Anfang die Faszination der Dokumentation. In der Mitte des 19. Jahrhunderts
waren es zunächst der Sezessionskrieg in den USA, dann wissenschaftlich
ausgerichtete, topographische Expeditionen, die erste Meilensteine in
der Ausbildung des Fotografen setzten. Die galt vor allem für seinen
Blick für das Wesentliche im Sinne des Auftrags und für die
Optimierung in der technischen Umsetzung. Die Qualität der fotografischen
Aussage maß sich so zum einen an deren Funktionalität und
zum anderen an der Motivation, dem Wahrnehmen von Schönheit sowohl
des Fotografen, wie auch des Auftraggebers, z.B. des Expeditionsleiters.
Den nächsten großen Meilenstein in der Entwicklung der Fotografie
setzte u.a. der Fotograf Eugène Atget.(3)
Ä
hnlich wie Cézanne in der Malerei bewegt er sich an der Nahtstelle
zwischen 19. und 20. Jahrhundert und somit am Wendepunkt der europäischen
Bildtradition. Laut John Szarkowski (Leiter der Fotoabteilung des MoMA,
New York, er verwaltet auch Teile des Atget Archivs) sieht er in ihm
und Zeitgenossen, wie Henri Cartier-Bresson, Walker Evans, Robert Frank,
Lee Friedlander u.a., dass der Fotograf in seinen Arbeiten eigenständige
Ziele verfolgt. Seine Fotografien begreift er als Ausdrucksmittel für
diese Ziele – die vergleichbar mit der Malerei Cézannes – stets
verbessert und perfektioniert werden können. In dieser Analogie
zur formalistischen Tradition in der Malerei (siehe dazu Clement Greenberg,
amerikanischer Kunstkritiker), aber auch in der Bildhauerei sieht er
den Fotografen in Wirklichkeit als Künstler.
Warum dieser kurze Blick in die Geschichte der Fotografie? Auch Helmut
Rueger dokumentiert in einer ersten Phase als Fotograf das Objekt, die
Szenerie.
Die Faszination japanischer Landschaften, Reisen in die Exotik eines
fernen Landes, Menschen im Vexierspiel fremder Kultur. Hier zeigt sich
sein „Handwerkszeug“: Die fortschreitende Optimierung der
eingesetzten Technik und der Blick für das Wesentliche.
Tofukuji II
Doch schon sehr bald wird es mehr. Das Sujet – japanische Welten – begegnet
mehr und mehr der eigenen Auseinandersetzung mit japanischer Philosophie,
wie sie sich im ästhetischen Konzept von Wabi und Sabi spiegelt
und – er wäre kein Europäer, würde er sich nicht
gleichzeitig der Entwicklung westlicher Fotografiegeschichte zuwenden.
Hier begegnen sich zwei Welten, die mehr und mehr seine europäischen
Wurzeln mit denen dieser neuen östlichen Erfahrungswelt verschmelzen
lassen. Mit dem Fokus auf japanische Motivik wird es ihm immer wichtiger,
in ihrer Darstellung seine persönliche Wahrnehmung, seine eigenen
Gefühle zu spiegeln. Indem er auf diese Weise in die Natur eingreift,
ihr seinen persönlichen Rahmen gibt, das Objekt in einen klar definierten
fast möchte ich sagen – privatimen – Kontext stellt,
verbindet er das ästhetische Konstrukt von Wabi und Sabi (4) mit
seiner künstlerischen Zielsetzung: Objekt in seiner Einfachheit
ist der Spiegel meines persönlichen Gefühls als Betrachter.
Von diesem ich-bezogenen Betrachterstandpunkt aus bindet er den „externen“ Betrachter
ein. Ihn holt er in den Raum, der in seiner Fotografie als Wirklichkeit
entsteht und lässt ihn – den Raum – in seiner Dreidimensionalität
erfahren.
Vom fotografierten Eindruck
zur gefühlten
Fotografie
Karl Blossfeld fotografierte luftige Blumenarrabesken. Albert Renger-Patzsch
fotografierte in den Himmel wachsende Schlote. Fast möchte
man meinen, die Lebendigkeit ihrer Objekte bereits in der Beschreibung
wahrzunehmen. Die Fotografie wurde in der Neuen Sachlichkeit apodiktisch
dafür eingesetzt, dass es möglich ist, mehr als nur dokumentarisch
zu arbeiten: Den Eindruck, den der Gegenstand hinterlässt, wurden
auf die „Platte gebannt. So entstanden „Charakterbilder“ von
Maschinen, Bauwerken usw.
Was ist nun anders, wenn Helmut Rueger davon spricht, dass er das „Gefühl
fotografiert“? Es ist nicht nur eine Frage des Standortes. Der
Fotograf der neuen Sachlichkeit gibt wieder, was er „sieht“.
Während Helmut Rueger sich als Mensch selbst in das Spiel mit dem
Objekt begibt. In seiner Wahrnehmung wird er Teil des betrachteten Gegenstandes.
Lassen wir Helmut Rueger mit seinen eigenen Worten sagen:
„Hier kurz die Beschreibung dessen, was ich beim Betrachten der besprochenen
Bilder oder auch bei der Fokussierung während der Bilderstellung empfinde:
Ruhe, Gelassenheit, Verbundenheit mit der Natur oder mit dem Objekt. Mich Einfühlen
in eine Situation, eine Stimmung. Es entsteht ein warmes, gutes Gefühl,
das dann schließlich, wenn ich mich lange genug darauf einlasse, Kraft,
Stärke gibt. Insofern schließt sich da ein Kreis – denn meist
ist das was mich anzieht die Mächtigkeit, die Kraft der Einfachheit der
Sujets.“
12. November 2007
Dr. Claudia Härtl-Kasulke
Zitierte Literatur:
1. Zitiert nach Izutsu, Die Theorie des Schönen
in Japan, aus dem 1. Buch Nambôroku. (zurück)
2. Zitiert in Anlehnung an: Peter C. Bunnell, Minor
White und der Fotografieunterricht. In: Neue Geschichte der Fotografie.
Michel Frizot (Hsg.), Paris 1994/96,
Köln 1998, S. 664. (zurück)
3. Siehe dazu: Molly Nesbit, Der Fotograf und die
Geschichte. Eugène
Atget. In s.o. S. 399. (zurück)
4. Siehe dazu: Koren Leonard 2994/2004: Wabi-sabi
für Künstler,
Architekten und Designer, San Francisco 1993/Köln 2004 5. Aufl.
S. 90 (zurück)
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